Darknet "Admin" zu 6 Jahren Haft verurteilt...

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    • Darknet "Admin" zu 6 Jahren Haft verurteilt...

      Wie "Lucky" demaskiert wurde


      In Darknet-Foren wird auch Verbotenes gehandelt. (Symbolbild)

      (Foto: Silas Stein/dpa)

      Alexander U. hat das Forum betrieben, über das die Waffe für den Amoklauf in München verkauft wurde. BKA-Ermittler schildern vor Gericht, wie sie ihm auf die Schliche kamen.

      Als das Spezialeinsatzkommando vor der Tür steht, bekommt "Luckyspax" eine Nachricht. Geschickt hat sie ein Nutzer seines Forums mit dem Namen "Gazza". "Hi Lucky", schreibt er, "ich will dich ja nicht beunruhigen, aber ich habe eine ernsthafte Sicherheitslücke gefunden." Lucky soll sich in einen Chat einloggen, dort werde er mehr Details erfahren.
      Das Registrierungsdatum von Gazza - der 23. August 2016 - hätte ein Indiz sein können, dass verdeckte Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) Lucky längst auf die Schliche gekommen waren. Gazza hatte eine Mission. Knapp einen Monat nach dem Amoklauf am Olympia-Einkaufszentrum in München hatte er sich im Forum angemeldet, er schrieb 55 Beiträge und kundschaftete "Deutschland im Deep Web" (DiDW) aus. DiDW war das größte derartige Forum im deutschsprachigen Raum, mehr als 20 000 angemeldete Nutzer, sechs Millionen Seitenaufrufe im Monat. Erreichbar war DiDW nur über das Darknet, also mit einem speziellen Browser, der verschleierte, wer sich dort herumtrieb. Alle schrieben hier unter Pseudonym.
      Seit zwei Wochen läuft nun am Landgericht in Karlsruhe ein Prozess gegen Lucky, einen 31-jährigen Informatiker, der mit bürgerlichem Namen Alexander U. heißt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, als "alleiniger Administrator" die Plattform betrieben zu haben. Sie ermittelt unter anderem wegen des "Verdachts der fahrlässigen Tötung in neun Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung in fünf Fällen". Denn über dieses Forum kaufte sich der Mörder David S. jene Waffe und Munition, mit der er später neun Menschen erschießen sollte. Fast alle seine Opfer hatten Migrationshintergrund, fast alle waren Jugendliche.

      Zwei Wege verfolgt

      Ein technischer Ermittler des BKA erzählt vor Gericht, wie die Fahnder herausfanden, dass Alexander U. die Seite betrieb. Zum einen rief Lucky unter seinem Pseudonym zu Spenden auf, um die Kosten für seinen Server zu decken. Knapp 10 000 Euro wurden mit der Digitalwährung Bitcoin eingezahlt. Die Ermittler konnten den Weg des Geldes nachverfolgen, er führte sie zu bitcoin.de, einem Marktplatz für die Währung. Die Ermittler forderten von den Betreibern der Seite Bestandsdaten an, so kamen sie auf Alexander U. und seine Wohnadresse in Karlsruhe.
      Es sind Aussagen wie diese, bei denen U. - weißes Hemd, Igelschnitt, Mundwinkel nach unten - im Gericht aufmerksam mitschreibt. An den ersten zwei Prozesstagen schwieg er die meiste Zeit. Er beantwortete nur einige Fragen des Richters und verlas eine allgemein gehaltene Erklärung. U. hat einen Bachelor-Abschluss in Informatik und ist derzeit für den Master eingeschrieben. Er ist verlobt. Als seine Freundin den Gerichtssaal verlassen muss, weil sie noch als Zeugin vernommen wird, schaut er ihr traurig hinterher.
      In Dialekt spricht U. darüber, was ihn antrieb, DiDW aufzusetzen und das "Syschdem" technisch zu warten. Ihm sei es darum gegangen, eine Plattform zu schaffen, auf der man "in Zeiten von Massenüberwachung" anonym kommunizieren und surfen konnte.
      Über das Forum wickelten Nutzer Waffendeals ab, verkauften auch Drogen. In erster Linie handelte es sich aber nicht um eine Art Ebay für Kriminelle, sondern um ein Diskussionsforum, auf dem auch Drogen und Waffen verkauft wurden. Neue Drogen-Verkäufer mussten sich direkt an Lucky wenden und ihm Bilder schicken. Zu sehen sollten sein: Nutzername, Datum, die Drogen und der Name des Forums sowie ein "aussagekräftiger Aussagetext", wie es der Staatsanwalt formuliert. Lucky musste dann entscheiden, ob er diese Beiträge freischaltete.
      Auch deshalb fiel DiDW den Ermittlern des BKA auf. Noch bevor erste Meldungen aufkamen, dass die Waffe für den Amoklauf über dieses Forum verkauft wurde, habe man DiDW in den Fokus genommen. Für Ermittlungen ausschlaggebend seien jedoch die Taten in München gewesen.
      Nachdem die Ermittler U. identifiziert hatten, überwachten sie seinen Internet-Verkehr. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt bereits festgestellt, dass Lucky seine Systeme technisch gut abgesichert hatte. Eine seiner Methoden war, bei jedem Aufruf der Seite einen zufällig generierten Textblock mitzuladen. Dadurch war die Seite bei jedem Aufruf unterschiedlich groß. Das verhindert, dass Nutzer durch einen speziellen Angriff auf das Tor-Netzwerk demaskiert werden können.

      Die Systeme durften nicht gesperrt sein

      Die Ermittler waren also gewarnt. Sie wollten sichergehen, dass sie U. am offenen Laptop erwischen. Nur dann sind Systeme entsperrt, die Ermittler können darauf zugreifen. Klappt U. den Rechner zu, wird alles verschlüsselt - und damit vor dem Blick des Staates geschützt. Das Einsatzkommando sei "mündlich unterrichtet" worden, wie wichtig es sei, sich den Rechner zu schnappen.
      Um den perfekten Moment zu erwischen, dachten sich die Ermittler das Szenario mit dem verdeckt arbeitenden Gazza aus - und verwendeten Methoden, die sonst nur Hacker nutzen. "Wir haben einen SQL-Injection-Angriff versucht", erzählt der Ermittler. Mit solchen Angriffen können Hacker Daten auslesen, auf die sie eigentlich keinen Zugriff haben dürften. Das sollte Lucky nervös machen und ihn dazu bringen, sich für längere Zeit am Rechner aufzuhalten.
      Es ging dabei nicht darum, Daten zu erbeuten, sondern um Ablenkung. "Wir wussten, welche Software eingesetzt wurde. Uns war also klar, dass der Angriff nicht funktionieren wird", sagt der Ermittler. Lucky habe die Angriffe blockiert. Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC) bezeichnet ein solches Vorgehen als "effektiven psychologischen Trick". "Die Ermittler konnten davon ausgehen, dass die Person sich umgehend und für längere Zeit mit ihren Systemen beschäftigen würde, auf der Suche nach Anhaltspunkten für eine Schwachstelle oder einen erfolgreichen Angriff". So kam es dann auch.
      Weil die Polizisten vor seiner Tür standen und seinen Internet-Verkehr beobachteten, konnten sie sehen, dass Lucky sich im Tor-Netzwerk befand. Sie rammten die Tür ein und beschlagnahmten den Rechner. Alles lief nach Plan.
      Doch ist es Polizisten überhaupt gestattet, solche Hacker-Methoden anzuwenden? "Das kann ich Ihnen nicht sagen", erwidert der Ermittler dem Anwalt von U. Die Idee sei bei einem "Brainstorming" entstanden. Er verweist auf die Pressestelle. Die will die Frage, auf welcher rechtlichen Grundlage der Angriff stattfand, nicht beantworten. "Sie werden verstehen, dass es uns nicht obliegt, der durch das Gericht durchzuführenden Beweiserhebung durch die Beantwortung von Presseanfragen vorzugreifen."
    • [list=1] Prozess um Darkweb-Forum DiDW:
      Sechs Jahre Haft für Administrator

      Der Betreiber des Darkweb-Forums DiDW ist der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden worden. Auf DiDW war ein folgenschwerer Waffenhandel eingefädelt worden.



      Das Landgericht Karlsruhe hat am Mittwoch den Betreiber der Darkweb-Plattform "Deutschland im Deep Web" (DiDW), Alexander U., zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren verurteilt. Der weitaus größte Teil der Strafe betrifft den Anschlag am Münchener Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016. Dafür habe sich U. der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht, sagte der Richter. Der Rest verteilt sich auf Beihilfe zu Waffengeschäften und "Werbung" für Drogengeschäfte.

      Zu dem Prozess um das Darkweb-Forum auch bei heise online

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      Unter der Forderung der Staatsanwaltschaft geblieben
      Damit folgte das Gericht der Staatsanwaltschaft nur teilweise. Die Anklage warf U. nicht "Werbung" für Drogenschäfte vor, sondern die höher bestrafte Beihilfe daran. Das Gericht verwarf auch einige Vorwürfe wegen Waffengeschäften, die auf DiDW angebahnt worden sein könnten. Für sein Urteil wertete es allein die Vorgänge aus, bei denen nachweislich tatsächlich Waffen gehandelt wurden und ignorierte die, für die es über Einträge im DiDW-Forum hinaus keine Belege gab. Auch die Strafe für das Hauptdelikt setzte das Gericht niedriger an als die Staatsanwaltschaft, die im ganzen neun Jahre und fünf Monate verlangt hatte.
      Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Das Gericht ließ seine Entscheidung zur Revision zu. Die beiden Verteidiger von Alexander U. sagten auf Anfrage, sie würden eine Revision erwägen, um den Urteilsgrund der fahrlässigen Tötung anzugreifen. Einer der Anwälte, Heinrich Maul, gilt als Revisionsspezialist und war selber Richter beim Bundesgerichtshof. Für die Revision gilt eine Frist von einer Woche, die wegen der Weihnachtsfeiertage am 27. Dezember endet.
      Der Vorsitzende Richter Holger Radke sagte, mit dem Verfahren gegen den DiDW-Betreiber bewege sich die Justiz "auf juristischem Neuland". Eine Plattform wie diese sei "ein Phänomen einer neuen Zeit". Jedoch: "Darauf geben wir Antworten mit Normen aus der Kaiserzeit". Fahrlässige Tötung sei als Strafnorm 1871 eingeführt worden. Seitdem hätten Generationen von Juristen über die Definitionen von Fahrlässigkeit "diskutiert und promoviert". Einen eigenständigen Straftatbestand gebe es für Plattformbetreiber im Gesetz nicht. Der fehle.

      Ein "absoluter Bärendienst" fürs Darknet
      Besonders schwierig sei dieses Verfahren auch deshalb gewesen, weil im Mittelpunkt "eines der schlimmsten Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg stand" – womit er den Anschlag in München meinte. Das sei in der Verhandlung auch zu spüren gewesen, etwa bei den "harten und recht unversöhnlich klingenden Worten", die die Eltern eines 14-Jährigen Mordopfers von München im Prozess geäußert hätten. Die Eltern hatten erklärt, dass sie kein Vertrauen mehr in die staatlichen Strafverfolger setzten.
      "Das Darknet gibt es eigentlich nicht", meinte der Richter. Das Tornetz, das mit diesem Begriff gemeint sei, sei nichts Verbotenes. "Deutschland im Deep Web" sei von der ursprünglichen Idee her eine anonyme Plattform. "Das ist etwas Sympathisches", meinte Richter Radke. Denn es sei ja durchaus "erschreckend, wie leicht digitale Spuren nachvollzogen werden können". Man müsse nur an Länder denken, in denen Meinungs- und Pressefreiheit nicht so "hochgehalten werden wie bei uns". An die Adresse des Angeklagten sagte er: "Hätten sie nur eine solche Plattform geschaffen, wäre Ihnen viel Beifall sicher gewesen". Nur leider habe er das nicht getan. "So, wie Sie das DiDW eingesetzt haben, haben Sie Ihrer Sache einen absoluten Bärendienst erwiesen".
      Das fange damit an, dass U. sein Forum strukturiert und "Kategorien für die verbotenen Dinge" geschaffen habe. "Spätestens hier ist es mit der neutralen Technik vorbei", befand Radke. Zu diesen Strukturen gehörten die Kategorien "Biete" und "Biete zertifiziert". Die seien zwar wohl vor allem für Drogen gedacht gewesen, aber jedenfalls in einem Fall habe ein verdeckter Ermittler sich unter dem Pseudonym "Gazza" auch für einen Waffendeal von Aministrator U. alias "Luckspax" freischalten lassen.

      Nicht nur Betrüger
      "Er hatte den Waffenbereich im Blick", sagte Richter Radke. Den habe er zwar in die Rubrik "Spackentreff" verschoben und in seiner Einlassung vor Gericht als "Mülleimer-Kategorie" bezeichnet. Er habe behauptet, "da würden nur Scammer auftreten", also Betrüger mit Scheinangeboten. Scammer habe es auch gegeben, konzidierte der Richter, "aber nicht nur". Alexander U. habe gesehen, dass beispielsweise Fotos von angebotenen Waffen eingestellt wurden.
      "Wir glauben, dass da mit Waffen gehandelt wurde", stellte der Richter klar. Und er glaube auch, dass das "dem Angeklagten egal war". Möglicherweise habe er keine "vertieften Gedanken" auf sein Waffenforum verschwendet.
      Keine Anhaltspunkte gäbe es dagegen dafür, dass der Angeklagte eine rechtsradikale oder ausländerfeindliche Gesinnung" habe. Aber es gebe wiederum auch keinen Grund, zu glauben, dass er als "normalbegabter junger Mann mit Informatik-Bachelor die Gefährlichkeit" seiner Waffenkategorie nicht richtig einschätzen konnte.
      Immerhin habe es in der Zeit, in der sein Forum online war, etliche Terroranschläge gegeben. Nach dem verheerenden Angriff auf ein Konzert im Pariser "Bataclan" hätten Medien gemutmaßt, die Attentäter könnten ihre Waffen aus einer Darkweb-Quelle haben und dabei auch über das DiDW geschrieben. Das habe der Angeklagte eingestandenermaßen mitbekommen. Er habe die Waffenkategorie darum auch vorübergehend offline genommen. Das habe er damit begründet, er wolle, dass sich "die Hysterie in der Presse" wieder legt. Auch das sei unglaubwürdig.


      Quelle: Heise . de
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