Katastrophenschutz: Cell Broadcast: Die Warn-SMS an alle wird in Deutschland nicht unterstützt – warum?

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    • Katastrophenschutz: Cell Broadcast: Die Warn-SMS an alle wird in Deutschland nicht unterstützt – warum?

      STERN Digital schrieb:

      Mit einer einzigen Nachricht nahezu alle Bürger erreichen - das kann die Technologie Cell Broadcast. Gerade im Katastrophenschutz wäre das extrem hilfreich. Trotzdem wird sie in Deutschland nicht unterstützt. Doch es findet ein Umdenken statt.

      Das Wasser zieht sich langsam zurück, doch die Folgen der Flutkatastrophe, die mindestens 170 Menschen das Leben gekostet hat, werden die Bundesrepublik noch lange beschäftigen. Eine der wichtigsten Fragen dabei: Hätte eine frühere Warnung die schlimmsten Auswirkungen verhindern können? Dabei geht es auch um die Einführung eines Systems, das andere Staaten längst nutzen: das sogenannte Cell Broadcast.

      Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Mischung aus SMS und Lautsprecherdurchsage. Wie die klassische Kurznachricht poppt auch beim Cell Broadcast eine kurze Textnachricht auf dem Display von Mobilfunkgeräten auf. Der wichtigste Unterschied: Während die SMS an eine einzelne Nummer gesandt wird, verteilt der Cell Broadcast die Nachricht unterschiedslos an sämtliche Mobilfunkgeräte, die gerade in Funkzelle eingeloggt sind.

      Gezielte Warnung

      Das hat entscheidende Vorteile. Zum einen kann man gezielt ganz bestimmte Regionen vor einer drohenden Gefahr warnen, je nach Bedarf in der Größe einiger Häuserblocks bis zu ganzen Landstrichen oder gar bundesweit. Zum anderen erreicht man sämtlich Personen, die sich dort aufhalten - auch diejenigen, die dort nur zu Besuch sind. Und das bei geschützter Privatsphäre: Aufgrund seiner Funktionsweise benötigt das System keine einzelnen Telefonnummern, die Empfänger bleiben komplett anonym.

      Weil der Cell Broadcast wie eine SMS funktioniert, lässt er sich zudem auch dann empfangen, wenn die Person nur ein klassisches Handy und kein Smartphone besitzt. Da es sich um einen einseitigen Sendevorgang handelt, wird die Nachricht auch dann angezeigt, wenn die Netze durch Telefonate oder Internetdienste überlastet sind. Das sind große Vorteile gegenüber Warnapps wie "Nina" oder "Katwarn", die ein Smartphone und eine funktionierende Datenverbindung voraussetzen.

      In anderen Ländern bereits im Einsatz

      Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um eine technische Theorie. Cell Broadcast ist als Grundfunktion bereits in den Mobilfunkstandards verankert, unterstützt vom veralteten 2G bis zum aktuellen 5G alle aktuell genutzten Funkstandards. In vielen Ländern sind die Systeme längst im Einsatz. In Japan warnt man über Cell Broadcast vor drohenden Erdbeben, auch Kanada, Neuseeland oder die Niederlande setzen die Systeme ein. In den USA setzte Donald Trump Ende 2018 die erste "präsidentiale Warnmeldung" ab. Seitdem wurde dort über die Technik vor Tornados und ähnlichen Katastrophen gewarnt.Behörden hatten Hochwasser-Warnung 11.20

      In Deutschland wollte man die Technik dagegen lange nicht einsetzen - im Gegenteil. Als die EU im letzten Frühjahr eine europaweite Umsetzung des Standards bis nächstes Jahr beschloss, erkämpfte sich Deutschland, dass Apps wie "Nina" oder "Katwarn" als ausreichender Ersatz gelten. 

      Langsamer Wandel

      Erst nach der Flutkatastrophe kommt nun Bewegung in die Sache. "Mein Ziel ist es, über eine Machbarkeitsstudie festzustellen, ob eine Einführung von Cell Broadcast sinnvoll und realisierbar ist", erklärte der Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster am Montag gegenüber dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". "Ich sehe keine Argumente, die komplett dagegen sprechen. Es gilt aber, eine Reihe von Themen durchzusprechen." Er rechne mit einem Ergebnis im Herbst.

      Auch in der Politik wächst die Zustimmung. Aus Reihen der Grünen und der FDP war schon letztes Jahr die Prüfung der Technologie gefordert worden. Nun forderte selbst Verkehrsminister Scheuer bei "Bild" die Einführung. "Ich bin dafür, dass wir diese Push-Nachrichten auch über die Mobilfunkanbieter beim Bürger ankommen lassen. Aber das ist immer gescheitert, weil der politische Wille an mancher Stelle gefehlt hat."

      Warum stellte Deutschland sich quer?

      Die genauen Gründe dafür sind nicht öffentlich bekannt. Doch es gibt klare Hinweise. Die Bundesnetzagentur erklärte etwa bereits im letzten Jahr, dass das deutsche Telekommunikationsgesetz nicht vorsehe, die Netzbetreiber zum Versenden von Warnungen verpflichten zu können. Eine Änderung entspreche "nicht der Philosophie des Wirtschaftsministeriums", berichtete "T-Online".

      Auch die Kosten dürften eine Rolle gespielt haben. Mindestens 20 bis 40 Millionen Euro würde die Einführung kosten, glaubt Schuster. Die Kosten entstehen, weil die benötigte Technologie zwar in den auch in Deutschland genutzten Standards festgelegt, in den deutschen Netzen aber bislang nicht eingesetzt werden, bestätigten die Netzbetreiber auf Anfrage des stern.

      Viele offene Fragen

      Man müsse quasi bei null anfangen und die Technologie in jedem Sendemast einzeln implementieren, erklärte etwa ein Sprecher  einer der Telekomunikations-Konzerne. Zu den genauen Kosten will sich keiner der Anbieter äußern. Es käme auf die genauen Anforderungen an. Zum einen müsse grundsätzlich ein System zur Warnung aufgebaut werden, hinzu kämen Kosten für den laufenden Betrieb des Systems. Technisch denkbare Sonderfunktionen wie ein Alarmton bei stummgeschalteten Geräten würden ebenfalls kosten.

      Trotzdem betonen die Netzbetreiber ihre Bereitschaft, ein entsprechendes System umzusetzen, wenn es gewünscht wird. Dabei sind viele Details zu klären. Wer dann am Ende das System betreibt, wer Nachrichten verschicken darf und wie die dann am Ende auf den Handys landen, ist noch völlig offen. In den USA können etwa selbst Kommunen die Nachrichten verschicken, ob das auch in Deutschland möglich sein wird, ist letztlich eine Frage der Umsetzung. Selbst technisch sei noch vieles ungeklärt, heißt es von Providern. Etwa, ob für den deutschen Markt angebotene Smartphones die Funktion wie angefordert unterstützen oder es erst ein Update geben muss. Am Freitag will man sich laut Branchenkreisen das erste Mal treffen.

      Quellen:Redaktionsnetzwerk Deutschland, Bild, T-Online


      Quelle: stern.de/digital/smartphones/c…sfeed&utm_source=standard