Bundesservice Telekommunikation: Karteileiche? Geheimdienst? Hackerin entdeckt zufällig eine mysteriöse Behörde – und niemand will sich dazu äußern

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      STERN Digital schrieb:

      Lilith Wittmann, IT-Expertin und Aktivistin aus Berlin, entdeckte zufällig Namen und Adresse einer bislang unbekannten deutschen Behörde. Kurz darauf verschwand die Internetseite des "Bundesservice Telekommunikation".

      Das Telefon klingelt. Es klingelt weiter. Und niemand hebt ab. Wer bei der 030-5300031-71, der Durchwahl des Bundesservice Telekommunikation anruft, läuft ins Leere. Die E-Mail-Adresse scheint erreichbar, Antworten gibt es aber keine. Dabei war die Behörde bis vor wenigen Tagen noch in der Übersicht des Bundes offiziell gelistet – mit Adresse und Beschreibung. Inzwischen findet man diese Angaben nur noch im Google Archiv, denn kurz nach der Entdeckung durch die Berliner Aktivistin Lilith Wittmann (lesen Sie hier ihren Blog-Eintrag) verschwand die Seite aus dem Netz. Aber warum? Und was ist der Bundesservice Telekommunikation eigentlich?

      Im Netz beschreibt sich der Service wie folgt: "Die Behörde ist Dienstleister des Bundes. Sie nimmt verschiedene Aufgaben ausschließlich für die Bundesministerien und ihre Geschäftsbereiche wahr. Dazu gehören Fachaufgaben, Querschnitts- und Unterstützungsaufgaben sowie Modernisierungshilfen." Der weitere Text auf der ehemaligen Informationsseite ist ähnlich kryptisch und letztlich eine Aneinanderreihung von Floskeln.

      "Geheimdienste sind undemokratisch" - Lilith Wittmann

      Nachdem Wittmann den Service während der Arbeit an einem Automatisierungs-Projekt entdeckt hatte, ihr dessen Name aber trotz jahrelanger Erfahrung mit staatlichen Stellen nichts sagte, stellte sie Recherchen an. Relativ schnell kam sie zu dem Schluss, dass es eine Tarnbehörde sein könnte. Von einer Karteileiche geht sie nicht aus, denn bei einem Besuch an der Adresse aus der Datenbank waren offiziell anmutende Briefkästen zu finden. Über den möglichen Sinn der des "BST" tauschen sich auch auf reddit zahlreiche Nutzer:innen aus.

      Im Gespräch mit dem stern betonte Wittmann, dass sie dem Bundesservice Telekommunikation nichts unterstellt, aber eine Beantwortung offener Fragen erwartet. Sie sieht Geheimdienste und Tarnbehörden generell kritisch, denn diese gehören für sie nicht in eine Demokratie, da sie gesellschaftlich nicht kontrollierbar sind. Sie setzt sich daher für eine Offenlegung der Tätigkeiten ein und ermutigt zu Anfragen aus der Bevölkerung. Sie selbst versuchte bereits, über eine parlamentarische Anfrage über die Linken-Fraktion an Informationen zu gelangen, da diese laut Gesetz nicht unbeantwortet bleiben dürfen.

      Ein Mitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Heidi Reichinnek bekam allerdings lediglich die Information, dass es in den letzten fünf Jahren kein Budget für einen Bundesservice Telekommunikation gegeben habe. Wie sich ohne Geld eine Adresse in Berlin halten lässt, blieb dabei offen.

      PAID BND Jan Marsalek in Russland 16.30Als Mittel der Wahl für private Recherchen nannte Wittmann sogenannte IFG-Anfragen, also Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz über FragDenStaat. Das Portal FragDenStaat hilft dabei, Informationen rechtskonform einzuholen und somit auch oft eine Antwort zu erhalten. Einfache Bürgeranfragen bleiben nach Wittmanns Erfahrung oftmals unbeantwortet, sodass es sinniger sei, den offiziellen Weg zu gehen.

      Um zu erfahren, was der Bundesservice Telekommunikation macht, stellte auch der stern Anfragen beim Bundesministerium des Innern und für Heimat, dem dortigen Staatssekretär Hans-Georg Engelke sowie den Poststellen des Bundeskanzleramtes und des Bundesverwaltungsamts. Engelke antwortete im Dezember auf die parlamentarischen Anfragen und hatte bereits Ämter beim Verfassungsschutz und der Bundespolizei inne. Bislang blieben sämtliche Kontaktversuche unbeantwortet.

      Nicht die erste Behörden-Enttarnung durch Bürger

      Dass es sich lohnt, seiner Neugier zu folgen, zeigt ein Fall aus dem Jahr 2016. Einem Berliner Jurist ließ die "Prüfstelle Husum der Bundesstelle für Fernmeldestatistik" keine Ruhe und er bohrte über Monate nach, was es mit dieser behördlichen Einrichtung auf sich hat. Zahlreiche Nachfragen später enttarnte sich der Betrieb als Außenstelle des Bundesnachrichtendienstes. Mal sehen, wie lange es diesmal dauert, bis klar ist, was der Bundesservice Telekommunikation wirklich macht.

      Quelle: stern.de/digital/online/bundes…sfeed&utm_source=standard